Woman in Tech Interview: Katharina über den Move von 'wie mache ich eine hübsche Präsentation' zu 'ich kann ein funktionierendes digitales Produkt erschaffen'

March 18, 2020

Was ist wichtig zu wissen über dich?

  Am 01.04.20 werde ich meinen ersten Programmierer-Job anfangen, genau ein Jahr nachdem ich auf einer Konferenz war, die meine Welt auf den Kopf stellte. Diese Konferenz brachte mich auf den Gedanken, dass auch ich eine Frau in der Tech-Welt werden kann. Meinen Weg in die IT halte ich selbst für außergewöhnlich. Und ich war selbst voller Vorurteile. Denn weder habe ich mich jemals für einen Nerd gehalten. Noch dachte ich, dass ich die notwendigen Fähigkeiten dafür besitzen würde.

Du interessierst dich also noch nicht sehr lange für das Thema Programmieren?

  Nein, eigentlich nicht. Als Kind wollte ich Sängerin werden. Kurz nach meinem Schulabschluss in Moskau war mir klar, dass ich in einer Werbeagentur bei der Kreation arbeiten wollte. Die glänzende Werbewelt schien mir mit 16 einfach nur traumhaft.

Das klingt schon danach, als daß es dann nicht so schillernd und traumhaft war?

  Ich habe dann, obwohl ich Marketing studiert habe, als Designerin gearbeitet. Dann wurde ich Strategin, weil mir Design dann doch zu kreativ war. Ich bin sechs Jahre lang von Agentur zu Agentur gewechselt. Ich war der festen Überzeugung, dass mit jedem neuen Arbeitgeber mir die Werbebranche doch mehr gefallen würde. Und dann habe ich verstanden, dass es nicht die Arbeitgeber sind. Es ist die ganze Industrie. Für mich baut sie auf falschen Werten auf, die ich langfristig nicht unterstützen kann und auch nicht möchte.

Das heißt deine Unzufriedenheit hat dich dann dazu veranlasst in die IT-Branche zu gehen?

  Ja. Diese Entdeckung mit 30 zu machen, das war nicht einfach. Was mache ich jetzt? Noch mal studieren? Aber was? Und wer finanziert das? Zuerst war meine Überlegung vielleicht raus aus der Werbung zu gehen aber doch etwas im Themenbereich Marketing zu machen. Da kam ich dann schnell auf UX. Der strategische Part bei UX ist bedeutend und ich könnte auf meinen Erfahrungen aufbauen. Dabei hat dieser Beruf viel mehr Fokus auf digitale Technologien, für die ich mich sehr gut begeistern konnte. Dieser Fokus fehlte mir in der Werbung.

Was hat dich dann inspiriert diesem Vorhaben nachzugehen?

  Ich habe angefangen diverse Meetups zum Thema UX zu besuchen. Bevor ich mich in ein neues Abenteuer stürzte und kündigte, wollte ich wissen ob das wirklich das ist, was ich machen will. Auf einem Meetup von einem Anbieter eines Coding Bootcamps kam ich dann mit Coding in Berührung. Das war zwar kein UX Meetup, aber ich wusste, als angehende UX Designerin sollte ich doch etwas mit Code anfangen können. Bei diesem Meetup erstellten wir eine Landing Page mit HTML und CSS. Ich glaube, das war so der erste Moment of Truth für mich. Programmieren war hier ein kreatives, gemeinschaftliches Erlebnis. Es war zwar für eine absolute Anfängerin wie mich herausfordernd, gleichzeitig hat es aber richtig Spaß gemacht. Allerdings war ich auch noch nach dem Meetup der Überzeugung: Programmieren kann ich nicht. Logisch. Ich bin ja eine Frau.  

Das heißt, obwohl es dir Spaß gemacht hat, war die Tatsache, dass du eine Frau bist dir selbst im Weg?

  Ja, zuerst schon. Hier war die Female’s FavorIT Konferenz in Mannheim von großer Bedeutung für mich. Nach dem Meetup mein zweiter Meilenstein. Diverse Frauen mit unterschiedlichsten Erfahrungen berichteten darüber, wie sie in die IT- oder in der Tech-Branche gelandet sind und auch mit welchen Herausforderungen sie täglich zu tun hatten. Eine Geschichte hat mich damals besonders mitgenommen und mich motiviert meine Karriere zu überdenken. Eine Frau hielt eine Präsentation darüber, wie sie bereits als Kind großes Interesse für technische Themen hatte. Allerdings hat sie nie Unterstützung in ihrer Familie gefunden, die nämlich eher klassische Gender-Rollen befürwortete. So hat sie, nach deren Ratschlag, einen „typisch weiblichen“ Studiengang gewählt: Kunstgeschichte. Über Umwege hat sie es aber trotzdem geschafft ihrer Leidenschaft zu folgen und ihre Karriere in der IT fortzusetzen. Das hat mich inspiriert. Es hat mir das Gefühl gegeben: Wenn sie es schafft, dann kann ich es auch. Ihre Geschichte war quasi der Anfang meiner Geschichte in der IT. Zum Schluss war die Tatsache, dass ich eine Frau war eher ein Ansporn für mich. Ich wollte „das System knacken“.  

Wie war dann der konkrete Weg in die IT?

  Da ich damals schon über die Bootcamps und andere Umschulungsmöglichkeiten gut informiert war, lag ein Bootcamp nahe. Und es war für mich auch der beste Weg zum Ziel. Ich wollte herausfinden, ob ich in 9 Wochen Zeit tatsächlich den Move von „Wie mache ich eine hübsche Präsentation“ zu „ich kann ein funktionierendes digitales Produkt erschaffen“ machen kann. Also kündigte ich meinen Job, bei dem ich mittlerweile als Senior Strategic Planner beschäftigt war. Ich ging durch einen Auswahlprozess für ein Coding Bootcamp in Mexiko. Ich verließ meinen damaligen Freund und zog aus der Wohnung aus. Ich verließ Frankfurt für immer. Trotz dem unbestimmten Outcome. Jetzt im April fange ich in Hamburg als Full Stack Developer an.  

Wie verlief das Bewerbungsgespräch?

Das war absolut anders, als in der Werbung. Vor allem hatte ich große Angst, dass ich live, vor dem Team programmieren muss. Ich hatte mitbekommen, dass das eine gewöhnliche Praxis in der Branche ist. Ich hatte eine Woche Zeit um mich vorzubereiten. Da habe ich mir nonstop Tutorials auf YouTube angesehen, mir all die Begriffe und Abkürzungen nochmal aufgeschrieben - als müsste ich zur Uni-Klausur gehen. Das hat mir beim Bewerbungsgespräch sehr geholfen. Ich hatte viel Hintergrundwissen. Ich kannte die Branchen-News. Und ich konnte mich dadurch mit dem Team auf Augenhöhe unterhalten. Programmieren musste ich nicht. Sie hatten meinen Code schon gesehen. Ich denke, es war in dem Moment wichtiger zu verstehen, ob man sich auch persönlich gut verstehen kann.   

Wie war die Resonanz deines Umfeldes auf deinen Wechsel?

Absolut jede Person, die mein Vorhaben mitbekommen hat, war begeistert. Ich habe im Freundeskreis und innerhalb der Familie sehr viel Unterstützung bekommen. Sogar meine Oma, die schon lange davon träumt, dass ich endlich “ankomme”, fand die Idee, den Wechsel in die IT zu machen, toll. Diese Unterstützung war vor allem dann wichtig für mich, wenn ich doch unsicher wurde und auch mal die “normalen” Ängste hatte: finanzielle Absicherung, Arbeitslosigkeit. Oder auch, dass mein Privatleben nun auf Pause steht. In solchen Situationen habe ich mich manchmal gefragt ob ich nicht einfach mal zufrieden sein sollte. Dann haben meine Freunde und Familie mich in meinen Entscheidungen bestätigt. Sie haben mich motiviert und unterstütz, indem sie mich wissen ließen, dass sie auf meiner Seite standen. So ein Erlebnis, dass wirklich jeder der gleichen Meinung ist, hatte ich selten davor.   

Hast du Role Models?

Ich kann jetzt keine konkreten Namen nennen. Aber ich war als Strategin viel auf Konferenzen unterwegs. Ich saß dann immer vor der Bühne, wo die Menschen oft über Karrierewechsel sprachen. Ich habe ihren Mut bewundert, vor allem diejenigen, die ein Startup gründeten und dafür ihren Job verließen. Das war immer ein Beispiel für mich, ich konnte mich mit diesen Menschen identifizieren. Ich denke, dass diese Erfahrungen auch ganz viel dazu beigetragen haben, dass ich am Ende doch genug Mut hatte, meinen Berufsweg und somit auch mein Leben allgemein zu ändern.     

Du beschreibst ja auch das Problem, dass es oft noch eine Hürde für Frauen gibt, in die IT zu gehen. Was sollte sich deiner Meinung nach in Deutschland ändern, um das Problem zu lösen?

  Auf dieser Konferenz in Mannheim habe ich weitere Bekanntschaften gemacht. Eine führte dazu, dass ich mich freiwillig über ein Jahr bei einem Bildungsprojekt im IT-Bereich engagierte. Abgesehen davon, dass es ein weiterer wichtiger Schritt auf meinem Weg ins Coding war habe ich dabei viel über die Mängel im deutschen Bildungssystem erfahren und was hier verbessert werden könnte. Ich denke da zum Beispiel an Unis, die einiges Potenzial haben einiges besser zu machen.

Was sind das genau für Punkte, die dich an den Universitäten stören?

Allgemein fiel mir zum Beispiel auf, dass Studiengänge wie Medieninformatik, Wirtschaftsinformatik oder ähnliches so aufgebaut sind, dass Studierende erst zu einem späten Zeitpunkt in die Praxis einsteigen. Die ganzen Basics wie zum Beispiel Mathe oder Logik werden ihnen zugeworfen. Viele verstehen da die Zusammenhänge und Nutzen dieser Fächer nicht. Das führt oftmals gleich am Anfang vom Lernprozess zu Frustration, Verwirrung und viel trockener Theorie. Außerdem bildet die Uni Spezialisten aus, die keine Team-Orientierung haben. Und das bestätigen nun Studien: Arbeitgeber haben Schwierigkeiten passende IT-Kräfte zu finden auch, weil den Kandidaten die Team-Skills fehlen. Unis machen zwar viel Gruppenarbeit, allerdings ist der Student am Ende doch nur für sich selbst erfolgreich. Dieses Denken ist veraltet. Doch es fängt schon vorher an. Das Thema Inclusivity ist ein weiteres Problem. Ich kann in Deutschland nur mit Abitur oder über sehr komplizierte Umwege Abitur studieren. Wir wissen aber, dass es viele ProgrammiererInnen gibt, die sich die notwendigen Skills „unten im Keller“ beibringen, sonst nicht unbedingt die besten Abschlüsse oder Noten haben. Es gibt Berufe, für die man nich unbedingt ein gutes Abitur braucht. Dieses Vorgehen muss überdacht werden. Anstatt immer noch wie vor 50 Jahren an den Zeugnissen und Noten zu hängen, sollte das System die tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Bewerber als Auswahlkriterium nutzen.
 

Wie könnten wir das Problem angehen?

  Nicht jeder kann gegen das akzeptierte und etablierte System „rebellieren“. Viele möchten die Sicherheit, die so ein Unizeugnis mit sich bringt. Ich denke Wissen teilen ist hier ein wichtiger Schlüssel. Als ich noch in Mexiko war, entschied ich folgendes: Egal wie mein Karriereweg verläuft, ich möchte unbedingt mein Wissen mit anderen teilen und Menschen dazu inspirieren, sich mit Tech-Themen auseinanderzusetzen. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass Coding eine spannende und kreative Aufgabe ist. Und ich möchte der Welt zeigen, dass wenn ich es kann, mit meinem Hintergrund, dann kann es auch wirklich jeder. Daher sind die Angebote, die moinworld oder auch Hackerstolz, wo ich auch ausgeholfen habe, sehr wichtig um die ersten Schritte der Interessenten mit zu begleiten und die diversen Bildungswege aufzuzeigen. Denn ich bin mir absolut sicher, ich sehe das jetzt schon, im IT-Bereich wird das Unizeugnis irgendwann nicht mehr das entscheidende Kriterium sein. Und das öffnet viele Türen für diejenigen, die nicht auf dem „klassischen“ Wege lernen wollen.  

Das heißt du engagierst dich mittlerweile auch selbst?

  Es gibt sehr viele Wege mit den eigenen Erfahrungen andere Menschen zu unterstützen und zu motivieren. Und das will und tue ich auch. Seit meiner Rückkehr gebe ich Workshops, die den Einstieg ins Programmieren einfacher machen. Die Übergangszeit, in der ich an meinem Portfolio für Bewerbungen gearbeitet habe, habe ich in Mannheim verbracht. Dort war so ein Angebot fast nicht existent. Meine Workshops waren fast immer ausgebucht. Die TeilnehmerInnen haben oft kommuniziert, dass sie in der Region an mehr Angeboten dieser Art interessiert sind und trotzdem: Nach wie vor gibt es eindeutig zu wenig Initiativen in Deutschland, die AnfängerInnen und Interessierte dabei unterstützen, die ersten Schritte in diese Richtung zu machen. Ich bin froh, dass ich, obwohl ich noch relativ wenig Erfahrung habe in diesem Bereich, schon viel zur Unterstützung einiger Anfänger beitragen konnte. Und ich bin sehr froh in Hamburg auf moinworld gestoßen zu sein, weil ihr die gleiche Mission verfolgt.
Ich versuche immer einen Teil meiner Geschichte mit den Teilnehmern zu teilen. Ich sehe mich selbst als Beispiel dafür, dass unsere Lebensläufe längst nicht mehr einem bestimmten Weg oder Muster folgen müssen. Ich bin der Beweis, dass es auch mit 30 und sicher auch später noch möglich ist, sich für einen anderen Beruf zu entscheiden.

Und ihr?

Wenn auch ihr Lust habt, mit Eurer Geschichte anderen Mut zu machen wendet Euch gerne an uns! moin@moinworld.de